Wo anfangen?

„Schreiben ist Berufspolitik“, schreibt…

Nein.
Das ist nicht der Anfang dieses Texts. Denn so fängt dieser Blog nicht an.

Fangen wir hier an:

Wish I didn’t think I had the answers
Wish I didn’t drink all of that glass first
Wish I made it to homecoming
Got up the courage to ask her
Wish I would’ve gotten out of my shell
Wish I put the bottle back on that shelf
Wish I wouldn’t have worried about what other people thought
And felt comfortable in myself

(Macklemore feat. Kesha – Good Old Days)

Fangen wir an mit dem Wort „Auch“ – und mit dem Satz „Soziale Arbeit ist auch was wert“. Ein Satz, den ich das erste Mal während der Reden bei einer der letzten Streikrunden im Jahr 2016 so richtig wahrgenommen habe. Er beschreibt in sechs kurzen Worten perfekt das Dilemma, in dem Profession und Kolleg*innen häufig zu stecken scheinen: Die Wahrnehmung, Soziale Arbeit könne im Vergleich mit anderen Professionen und Berufen eigentlich nicht bestehen, bringe aber trotzdem etwas wertvolles mit, das eine bestimmte Vergütung verlangt. Ein Satz, der, wie ich finde, die Soziale Arbeit und diejenigen, die ihn sagen, unnötig klein macht, die Leistungen, die ihre Angehörigen erbringen, unbewusst abwertet und anfängt, sich mit anderen zu vergleichen. Dabei stellt sich die Frage – inwieweit ist die Arbeit einer Anwältin mit der eines Ingenieurs oder einer Ärztin vergleichbar? Und würden die drei genannten sich diese Frage überhaupt stellen? Oder, um den Macklemore-Text von oben zu paraphrasieren: Sorgen wir uns als Sozialarbeiter*innen oft nicht zu sehr darum, was andere Leute über uns denken?

Ich habe einen guten Teil meines Bachelorstudiums der Sozialen Arbeit damit verbracht, diesen Gedanken selber zu haben – „ich kann nicht in der Staatsbibliothek lernen/schreiben, da sind die Leute, die was richtiges studieren“, war ein gutes Beispiel dafür. Dann habe ich Gespräche mit meinen Freund*innen, die an Universitäten studiert haben geführt, und mich an meine eigene Zeit an der Universität erinnert. Und dabei gemerkt, dass viele meiner ehemaligen Kommiliton*innen zu der Zeit auch nicht mehr wussten und konnten als ich, nur viel besser darin waren ihre Unwissenheit hinter halb gelesenen Texten und komplizierten Wörtern zu verstecken. Und dass viele Studiengänge an Universitäten geringere Anforderungen an ihre Studierenden stellen als es der Studiengang Soziale Arbeit teilweise tut.

Aber hier soll es nicht um unsere Defizite oder die Defizite anderer gehen, sondern unsere Stärken.

Also anders.

Wir verbringen einen großen Teil unseres Studiums und unseres Berufs mit Schreiben. Mit Nachdenken über’s Schreiben. Mit Schreiben, um Leistung zu erbringen, um ein Konzept zu entwickeln, um Finanzierung zu erhalten oder zu verlängern. Mit Schreiben über unsere Klient*innen und unsere Praxis, mit Dokumentation, Recherche und Kontakt mit Angehörigen.

Wir verbringen einen großen Teil unseres Studiums und unseres Berufs damit, unser Handeln zu reflektieren, unsere Worte zu wählen und uns darüber Gedanken zu machen, wie Kommunikation, Zusammenarbeit, Alltag, ein gutes und meschenwürdiges Leben funktionieren kann, oder, ganz im Sinne Hans Thierschs, jeden Tag ein bisschen besser gelingen kann.

Und ich habe immer wieder das große Privileg, dass mir Kommiliton*innen, Kolleg*innen und Freund*innen ihre Arbeiten zum Korrekturlesen anvertrauen, dass sie mir von ihren Projekten und Hausarbeiten erzählen. Leider hört man danach viel zu oft nichts mehr davon – und das ist schade. Im Mai habe ich zusammen mit Freund*innen den ersten Schritt dazu gemacht, dass das nicht mehr so sein muss – mit dem Münchner Social Science Slam gibt es jetzt eine Gelegenheit, wissenschaftliche Arbeiten und Projekte einem Publikum aus Studierenden und Kolleg*innen vorzustellen. Und dieser Blog soll dieselbe Möglichkeit online bieten – ein Ort sein, an dem Studierende und Sozialarbeiter*innen über ihre Arbeit, ihre Erkenntnisse, ihre Meinung, Haltung und über ihre Entwicklung erzählen.

Und hier sind wir wieder an dem Punkt, an dem wir „Schreiben ist Berufspolitik“ sagen können. Das hat Winfried Nodes, der Chefredakteur der forum sozial, der Fachzeitschrift des DBSH, 2016 in einem Leitartikel geschrieben. Und da ist was dran – sowohl wissenschaftliches Schreiben als auch Schreiben im Beruf bringen uns persönlich weiter, klar, aber eben auch die Soziale Arbeit. Dazu soll dieser Blog beitragen.

Dieser Blog ist keine Fachzeitschrift. Hier sollen nicht dieselben Kriterien herrschen, die eine Fachzeitschrift ansetzt, wenn sie Artikel annimmt. Eure Artikel müssen nicht perfekt sein, denn der eigene Anspruch auf Perfektion verhindert leider häufig, dass wir überhaupt anfangen, ausprobieren und einfach mal machen und genau dadurch besser und erfahrener zu werden. Dies ist nicht das Ende eures Schreibens, sondern sein Anfang, oder vielleicht seine Mitte.

Dieser Blog soll ein Ort werden, an dem Studierende der Sozialen Arbeit und Sozialarbeiter*innen sich und ihre Themen präsentieren können, sich austauschen können und vielleicht sogar erste Schritte in eine bestimmte Richtung machen können. Ohne Bedenken, verrissen, schlecht benotet oder negativ dargestellt zu werden.

Denn ein Blog wie dieser war auch meine erste Gelegenheit zum Veröffentlichen und diese Gelegenheit führte irgendwann dazu, dass ich mich traute, einen Call for Papers bei einer Fachtagung zu beantworten, mich mit dem Thema Promotion zu beschäftigen und jetzt tatsächlich zu promovieren. An dieser Stelle möchte ich meinem ehemaligen Kommilitonen Philipp Stoltz danken, der mir mit der Jungen Akademie St. Markus eine der ersten Gelegenheiten gab, über meine Themen zu reden und zu schreiben.

Dieser Blog ist ein Ort für uns, an dem wir uns niemandem beweisen müssen, sondern an dem klar ist, dass das, was wir zu sagen haben, zählt. Denn wir sind Sozialarbeiter*innen – und wir sind es wert.

Und jetzt geht’s los.

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